Das Hollandrad

Das schwere Hollandrad mit seinem Stahleisenrahmen, dem tiefen Einstieg und dem hohen Lenkkopf nimmt unbestreitbar im Zeitalter der Alu- und Karbon-Sport- und Rennräder mit ihren eiligen und krummrückigen Fahrern eine Sonderrolle ein. Hollandräder strahlen eine gewisse nostalgische Zeitrückgesetztheit aus und ihre Fahrer scheinen das auch zu genießen. Hollandfahrer und -fahrerinnen erinnern immer ein wenig an dithmarscher Landkommunen in den 80ern, den Kopenhagener Hippie-Freistaat Christiana, gemütliches Teetrinken, mit Patschuli getränkte, weite Wollröcke und Königin Juliana. Diese Art der entschleunigten Fahrradkultur passt gut zu mittelgroßen Universitätsstädten wie Münster oder Göttingen, weniger gut zu Trendy-Berlin, eher zur norddeutschen Tiefebene als zum bayerischen Voralpenland.

Das klassische Hollandrad ist ein ausgesprochen robustes Damenfahrrad, das keine großen Ansprüche an seine Wartung stellt. Das in seinem Ursprungsland Niederlande liebevoll-respektlos „Omafiets“ („Oma-Rad“) genannte Fahrrad zeichnet sich durch eine als „Schwanenhals“ bezeichnete Rahmenkonstruktion mit einem geraden Unterrohr und einem weit nach vorn oben gebogenen Oberrohr aus. Es gibt auch Herrenversionen des „Omafiets“ mit Querstange im gängigen Diamatrahmen-Prinzip. Weiter typisch ist der hoch gezogene Lenker, der dazu führt, dass die Hollandrad-Nutzer beim Fahren eine beinahe kerzengerade Sitzhaltung einnehmen und so eine bessere Übersicht über das Geschehen um sich haben als andere Radler. Ferner sind bei diesem Fahrrad Rock schonende Hinterradverkleidung, ausgiebig gepolsterter Sattel, geschwungene Lenker, Spanngummi-Gepäckträger und aus Moleskin gefertigter Vollkettenschutz obligatorisch.Die bis zu 20 kg schweren „Fahrenden Sofas“ mit ihren 26-Zoll- und 28-Zoll-Reifen sind wegen ihrer Konstruktion nicht auf schnelle Geschwindigkeiten ausgelegt. Bei mehr als 15 km/h beginnt das Rad in der Damenversion bereits bedenklich zu schlenkern. Aber der Hollandradfahrer will ja üblicherweise auch nicht hetzen, sondern bequem in seinem Alltag Kurzstrecken zurücklegen. Und am besten im Flachland, denn mit dem schweren, traditionell oft keinen Gang oder nicht mehr als drei Gänge besitzenden Fahrrad einen Hügel bewältigen zu müssen, kann eine sportliche Quälerei darstellen. Auf langen Strecken ist die gerade Sitzhaltung wegen des dadurch bewirkten größeren Luftwiderstandes kontraproduktiv.

Die ersten Hollandräder waren keine niederländischen Erfindungen, sondern Nachbauten englischer Fahrradmodelle im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Die heutige, typisch niederländische Form hat sich in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts etabliert. Das „Omafiets“ wurde das wichtigste Nahverkehrsmittel der Niederländer, inklusive Königsfamilie. Es war und ist in speziellen Transportmittel-Versionen (“Bakfiets“) auch für Bäcker, Tulpenhändler und andere Gewerbetreibende überaus wichtig.

Renommierte Hollandrad-Marken sind unter anderem Achielle, Gazelle, Batavus, Azor und Sparta. Es werden jährlich über 40.000 der nicht billigen Qualitäts-Räder mit dem hohen Wiederverkaufswert aus den Niederlanden nach Deutschland exportiert.

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